Wahlen

Meine Laufrunde führt mich am hiesigen Impfzentrum vorbei. Als ich vor Wochen die ersten Male auf diese Runde hinauslief, sah ich sehr viele alte Menschen. Zumeist wurden sie von ihren Kindern begleitet. Vor fünfzig Jahren war es umgekehrt. Die Eltern gingen mit ihren Kindern zum Impfen. Beide, Eltern und Kinder, sind nicht mehr jung. Laufrunde für Laufrunde aber werden die Menschen , die dem Impfzentrum zustreben, jünger, während ich Runde um Runde älter werde. Mit den jungen Menschen aber verschwinden die Alten nicht. Die Generationen mischen sich. Die Energie, die daraus zu mir herüber reicht und das Impfzentrum bevölkert, rührt mich jedes Mal an. Vitalität möchte ich sie nennen, diese Energie. Aber sie sprüht nicht. Vielmehr liegt in ihr eine große Ruhe. Ja, Feierlichkeit. Da ist der Mann, der einen Kamm aus der Gesäßtasche zieht und sein weißes Haar richtet. Die Frau, die die Hände vom Rollator nimmt, sich aufrichtet und ihr feines Tuch um den Hals drapiert. Die unmotorisierte Frau, die kurz bevor sie durch das Tor tritt, auch  den zweiten Arm durch den dazugehörigen Rucksackgurt schiebt. Ganz so, als trete sie jetzt, just in diesem Augenblick, eine Fußreise an. Das Paar, das mit Nachdruck ausschreitet. Jeder für sich. Ich fühle mich erinnert an die erste freie Wahl. Sie war aufregend. Plötzlich zählte meine Stimme nicht nur, sie hatte Gewicht. Darin fühlte ich eine noch nie erlebte Verantwortung. Sie ängstigte mich, aber ich gab meine Stimme ab. März 1990. Frühling herrschte. Aufbruchstimmung. Ich erinnere mich an das geflügelte Wort: Das Volk stimmt mit den Füßen ab. Die Fußgängerampel steht auf rot. Ich trete auf der Stelle. Eine Frau fragt mich nach dem Weg zum Impfzentrum. Ich erkenne sie. Von ihr habe ich mein Handwerk gelernt. Die Kunst, Menschen  zu pflegen. Sie ist seit einer gewissen Zeit in Rente. Ich freue mich über die zufällige Begegnung und den barrierefreien Kontakt. Keine von uns macht einen Schritt zurück. Keine Berührungsangst. Ich erkläre ihr den Weg zum Impfzentrum. Er liegt bereits hinter mir. Meine Stimme hat Gewicht. Das Volk stimmt mit den Füßen ab. Die Fußgängerampel steht noch auf Rot.

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