Generationenwandeln

Meine Laufrunde führt mich durch eine dieser Einfamilienkolonien, die überall aus dem Boden schießen, wo einst Wiese und Strauch die Stadt bereicherten. Jetzt bereichert das Land Spekulanten. Statt Biodiversität wachsen dort Eigenheimeinheiten. Sogenannte Stadtvillen und Häuser im Bungalowstil. Warum sie nicht einfach Bungalow genannt werden, ist eine rhetorische Frage. Sei  es drum. Ab auf die Lauffrunde. In der Kolonie überhole ich zwei Familien. Die Frauen laufen hinter den Männern. Sie führen jede einen Hund an der Leine. Die Männer schieben jeder einen Kinderwagen. Der Großvater geht allein. Vor allen anderen geht er voraus. Der Spaziergang als Generationenwandeln. Nicht ins Bild passt ein Knabe. Er geht weit vor allen anderen. Er ist in einem Alter, in dem er noch nicht sicher laufen kann und bewegt sich deshalb mit einer Gehhilfe vorwärts. Sein Beine reichen vom Sitz des Laufrades gerade bis auf die Erde. Als ich ihn einhole, wecke ich seinen Ehrgeiz. Er stößt sich kräftig und kräftiger mit den Beinen ab und gleitet neben mir her. Er liegt förmlich auf dem Rad. Den Kopf nach vorn, die Beine nach hinten gestreckt. Superman, nennt sich diese Figur im Zweirad-Freestyle. Ein kleiner Superman. Ein kleiner? Sein Geschick beeindruckt mich. Wir schauen uns an und lächeln. So als würden wir uns kennen. Oder erkennen. Wir fordern uns heraus. Ungeachtet dessen, dass ich meine Laufzeit gefährde, lasse ich im Tempo etwas nach, um dem Knaben seinen jungen Triumph zu gönnen. Dann wieder gebe ich Gas und hole auf. Aber ich überhole ihn nie. Vielleicht weil ich nicht vor ihm gehen möchte? Es macht mir Freude, ein Stück mit ihm zu gehen. Die Freude scheint ganz seinerseits. Er holt alles aus seinem Gefährt heraus. So begleiten wir uns ein Stück Weg. Ich genieße das Kunststück und freue mich an ihm. Die Kolonie endet. Wir gelangen an eine vielbefahrene Straße. Ich weiß, hier muss ich allein weiter. Ich schaue den Knaben an. Er schaut zu mir auf. Ich schaue nach hinten. Mein Zeigefinger folgt meinem Blick. Guck zurück,  sage ich, da ist deine Familie, du musst warten. Einen Augenblick schauen wir beide zurück. Der Knabe hält. Wartet. Ich gehe allein voran.

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