Vorlesetag

Frankfurt an der Oder. Uhren- und Schmuckgeschäft Hoffmann. Bundesweiter Vorlesetag.

Zwischen tickenden Uhren. Im Rücken der Zeiger. Am Tisch, wo sich zwei zu einem Paar Ringe trauen. Da saß ich. Ich wartete auf Zuhörer. Der erste suchte einen Antragsring. Eine Geschichte konnte ich ihm nicht antragen, auch kein Gedicht, aber sagen, dass er ja sein Glück gefunden hätte. Viel zu lange schon, gab er zurück. Da war ich auf mich zurückgeworfen. So ging es weiter zwischen geben und nehmen und geben und… Ich versuchte aufzuspüren, was ich den Menschen mitgeben könnte, bevor sie das Uhren- und Schmuckgeschäft verließen. Keiner hatte Zeit, aber jeder ließ sich ein. Einem las ich vom Pilgern. Er war gerührt, hatte rote Augen und ging deutlich langsamer aus dem Geschäft, obgleich er den 14-Uhr-Bus verpasst hatte. Die zweite, eine ältere Dame: keine Zeit! Drei kleine Gedichte, hm? Sie setzte sich. Ich las ihr drei Liebesgedichte vor. Unser Verhältnis verkehrte sich am Tisch der Trauringe. Nun hörte ich ihre Geschichte. Wie sie ihren Mann pflegt und dass das alles noch ganz frisch ist und sie überhaupt nicht wüsste und… Als sie aufstand und ging, sah sie mich an. Sie zählte, eine Hand in die Luft gestreckt: eins – Daumen – zwei – Zeigefinger – drei – Ringfinger. Der Mittelfinger bliebt zwischen zwei und drei unbeweglich stecken. Drei Gedichte. Drei x Liebe. Ein Ring am Finger. Sie ging gefestigter. Ein junger Mann kam in den Laden. Er wolle sich nur inspirieren lassen. Ich fragte, ob ich ihm mit einer Geschichte oder einem Gedicht dabei behilflich sein kann. Nein, nein, er habe gerade ein Buch bestellt. Er kann kaum erwarten, dass es eintrifft. Er wandte sich den Vitrinen zu. Ich ließ ihn seine Runde durch das Geschäft drehen. Bevor er zur Tür hinaus ging: Kommen Sie, ein Gedicht geht immer!? Er baute sich in einigem Abstand vor dem Tisch der Trauringe auf. Ich las ein Gedicht über das Verhältnis von Autor und Leser und das Fragile daran, das so starke Bande knüpfen kann. Ein nächstes Buch wird dem bereits bestellten folgen. Er traute sich ein Stück näher an Tisch der T…, als ich ihm den Zettel mit Titel und ISBN herüberreichte. So stand ich nach einer Stunde Vorlesetag vom Tisch der Paare, die sich zu einem Ring trauen, auf und ging: langsamer, mutiger, bestärkt in einem Talent, das ich an mir noch nicht wahrgenommen hatte. Kurz: reich beschenkt. Von dieser einen Stunde. Sie wird noch lange Zeit ticken und tacken und rücken – in mir.

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