Tag 26

26. September 2018

Peter und Volker verlassen die Herberge zuerst. Im Untergeschoss rumpelt und räumt es. Die Kräuterfee räumt die zwei Behelfsmatratzen weg und bereitet den Laden vor. Wir steigen die Treppe zu ihr hinab, um sie zu begrüßen. Gestern liessen uns Freunde der Kräuterfee in die Herberge. Die Kräuterfee steht unter Strom. Sie redet aus einem Guss. Wir erfahren von ihren existentiellen Schwierigkeiten mit dem Naturladen und allem, was daran hängt. Die Räume, in denen wir auf unseren Matratzen schliefen, sind angemietet für Kräuterseminare und Co.. Wir schliefen also, wo Kräuter und Heilung besprochen wird.

Durch die Hintertür gehen wir in der Kräuterfees Ladengeschäft. Es riecht wunderbar. Wir schauen, lesen, schnuppern. Was wir kaufen, müssen wir tragen, also kaufen wir nur einige Kräuterbonbon für unterwegs. Wir müssen weiter. Nach und nach herzen wir die Kräuterfee. Da schießen ihr die Tränen in die Augen. Ihre Existenzangst muss riesig sein. Auf den ersten Metern durch Wurzen fühle ich mich schlecht. Ich kann hier einfach so mit dem Rucksack durch die Lande ziehen, während andere… .

Wir bummeln. Dabei liegt wieder eine lange Etappe vor uns. Es ist wie der letzte Tag auf unserer Wanderung über den Dingleway. Keine von uns will heute ankommen. Dort wartet ein Enden. An Anfangen denken wir auf dem letzten Wegstück nicht. Neben der Jacobsmuschel weist ein anderes Zeichen einen Weg. Eine große Kaffeetasse. Ich laufe schnell daran vorbei, biege auf unseren Weg. Laufe, was das Zeug hält. Aber es kommt, was ich ahnte. Ein Pfiff von hinten und ich weiß, den anderen ist die Kaffeetasse nicht verborgen geblieben. Wir sind gerademal einundeinehalbe Stund unterwegs und hatten eben erst Frühstück und Kaffee. Doch die Kaffeetasse hat eine magische Anziehung auf die anderen vier. Wir kehren ins Casa Tropicana ein. Obwohl es dort wirklich schön ist, ärgere ich mich. Wiedermal. Ich frage mich, was mit mir nicht stimmt. Verzicht gehört für mich zum Fußreisen. Wenn ich mir auf dem Weg alles erkaufe, was ich sonst auch habe, wozu dann losgehen. Ich habe andere Ansprüche an diese Art des Reisens. Das ist wohl das Hauptproblem. Der Grund, aus dem ich mich über dieses und jenes ärgere. Ich verstehe auch die anderen vier. Sie haben Kind und Kegel und andere Verpflichtungen, die ich nicht habe. Ist mein Ärger am Ende Neid und Sehnsucht. Das ist, was mit mir nicht stimmt. Ich bin für mich allein. Wenn ich das alles doch nur aussprechen könnte!!! Warum kann ich mich nicht wie die anderen einfach dem Genuss hingeben? Kontakte knüpfen und all das. Eingebunden sein in eine Gemeinschaft…. Es ist schwer, seinen Frieden zu machen mit den Dingen, die…

Nachdem wir am Anfang des Wegstücks gebummelt haben, zieht es sich jetzt in die Länge. Keine Zeit für Pausen. Die Kilometer scheinen mehr zu werden statt weniger. Mir fällt das Laufen mit jedem Schritt leichter. Ich könnte ewig so gehen – ohne Halten. Wenn ich erstmal laufe, läufts. Das ist ein schönes ein erhebendes Gefühl. Irgendwann drehe ich mich um und stehe allein in der Landschaft. Ich warte, bis die anderen aufgeschlossen haben. Gibt es ein Problem? Verletzungen, unerträgliche Schmerzen? Die normalen Pilgerschmerzen tragen wir ja nun schon eine Weile mit uns. Auf meine Problemfrage folgt ein Nein. Die normale Erschöpfung. Es geht weiter. Schließlich erreichen wir unser Reiseziel. Vor dem Ortseingangsschild warte ich auf die anderen. Diesen Meilenstein müssen wir gemeinsam überschreiten. Leipzig.

In der Herberge wartet Volker. Auf sechs Matratzen liegt je ein Rotkäppchen. Sechs kleine Flaschen Sekt. Das siebte Rotkäppchen, Peter, ist ausgestiegen. Nach der Ankommensfeier ziehen wir nochmal los. Ein Kilometer hin. Ein Kilometer her. Das fällt schwer. Aber wir wollen in der Herberge kochen und ein letztes Ma(h)l gemeinsam essen. Spaghetti Bolognese a la Anne. Der Raum, in dem wir den letzten Abend verbringen, ist wie für diesen Augenblick, für diese Reise, für uns sechs gemacht.

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