Gestern hatte ich Post in meinem Postkasten. Nun, werden Sie sagen, das habe ich jeden Tag. Nachrichten von Freunden. Bilder. Einladungen zu Veranstaltungen. Sie wissen was ich meine. Doch was ich meine, ist echte Post. Ein Brief aus Papier und Tinte wie Fleisch und Blut. Ein Fastenbrief. Ein Brief, der mich während der Fastenzeit begleitet, denn jede Woche kommt ein anderer. Sieben mal. Sieben Briefe. Sieben mal Worte von Menschen, die mich bestärken oder besser gesagt besinnen. Und diese Worte habe ich einer Freundin zum Dank. Denn sie brachte mich auf die Idee. Welch besseren Grund könnte es geben, hier und heute dies schriftlich mit(zu)teilen!?
Während ich den Brief mehrmals las, merkte ich, wie viel ich weiß, auch über mich und meine Gewohnheiten, und wie wenig ich Gebrauch von diesem Wissen mache. Es ist weniger ein Wissen im Sinne schulischer Bildung, mehr Wissen, das einen Menschen leben lässt. Warum nur misslingt es allzuoft? Obwohl ich doch über dieses Wissen verfüge? Vielleicht finde ich am Ende der siebenwöchigen Reise eine Antwort. Und auch das hat mich verwundert. In dem Brief und dem beiliegenden Heftchen zu alten und neuen Hintergründen des Fastens, ist oft von einer Reise die Rede. So wie ich es bereits am Anfang, als ich mich entschloss zu fasten, das Fasten empfand. Wie gesagt: Wir wissen oft mehr, als wir leben. Und vielleicht sind gerade die alten Hintergründe Orte unserer Sehnsucht, die wir auf einer solchen Reise (wieder) finden. Wie ich darauf komme? Als ich das Heftchen und den Fastenbrief zum xtenmal gelesen hatte, keimte eine neue Idee auf, die eine alte ist. Eine alte Reise. Eine Reise, die ich ganz am Anfang meiner Schreibzeit machte. Es ist eine gefühlte Ewigkeit her. Ich dachte: Warum die Reise nicht ein zweites Mal unternehmen;- mit dem Wissen, das ich heute habe? Wie oft im Leben wünschen wir uns, etwas ein zweites Mal zu tun mit dem Wissen, das wir inzwischen erlangt haben!? (Während ich hier so schreibe, bin ich überwältigt, wie oft wir Worte der Fortbewegung im Laufe unseres Lebens gebrauchen!) In dem Heftchen aus der Post las ich von sonderbaren Reisen. Die Reise eines tauben Frosches. Die Reise eines Elefanten zum Meer. Der Beginn Jonas Reise. Diese Reisen erinnerten mich an jene alte Reise. Ich versuche jetzt, hier und heute eine Reise, die ich in der Vergangenheit unternommen habe, ein zweites Mal zu begehen. Sieben Mal. Sieben Reisen. Sieben Postkarten. Sooft wie ich diesen Fastenbrief erhalte und es soll auch ein Dank sein an das Andere Zeiten Team. Urheber dieser Briefe. Sieben Mal werde ich eine Postkarte an das Ende der Woche schreiben. Es muss ja nicht immer gleich das Ende der Welt sein. Sehnsuchts(w)orte gibt es viele. Einige suche ich nun erneut mit dem Federhalter auf. Und ich bin gespannt wie diese (W)orte heute klingen, aussehen, sich anfühlen, riechen und – schmecken. Post nicht ganz aus Papier und Tinte, aber Fleisch und Blut. Es ist wohl kein Zufall, dass die Post und der Post sich ähnlich sind.
Liebes Wochenende
Mein Name ist Federhalter. Meinem Kamm nach urteilst Du vielleicht, dass ich ein Hahn bin, doch auch Frauen tragen Kämme und inzwischen bin ich ein ziemlich bunter Vogel. Das habe ich in erster Linie nicht meinen Reisen zu verdanken, sondern Autoren und Autorinnen aus Frankfurt an der Oder, die mein Gefieder beschrieben haben. Es ist bunt! Ich gebe zu, es war nicht leicht dem Kitzel der Worte und den Sticheleien der Federn standzuhalten, aber es ist mir gelungen. Wer bunt sein will muss leiden. Das gehört dazu. Und da ich meine erste Reise glücklich überstanden habe, wird es mir ein zweites Mal gelingen;- womöglich glücklicher. Liebes Wochenende, es begleiten mich einige Leser. Bitte nimm sie wohlwollend auf und gönne ihnen ein anderes Ende als an anderen Wochen, dass auch der Anfang ein anderer wird – ein Neuanfang. Jede Woche ein neuer? Warum nicht!
Liebe Grüße vom Federhalter.
Ines Gerstmann




